Wie alles begann - Historie und Histörchen

Lieber Leser,

 

es ist viel Zeit verstrichen in der ich anderen Dingen nachgehen wollte und musste, ehe ich jetzt Deine Frage nach dem Werden der Evangelischen Grundschule beantworten kann. Die Erinnerungen sind vielfältig und die Situation wird von verschiedenen Leuten vermutlich sehr unterschiedlich reflektiert. Diese unterschiedlichen Bilder zusammen zu fügen, überlasse ich Dir.

 

Ich mich will zunächst auf die Zeit bis zu der Schulgründung beschränken und erzählen, auf welcher Grundlage sich die Schule formiert hat. Der wirklich beeindruckende Prozess ist das Herauslösen aus und die Bewußtseinsentwicklung in einer typisch ostdeutsch sozialisierten Gemeinschaft. Lange nach der Wende, lange nach dem die Perestroika den kalten Krieg in den Köpfen beendet und damit neue Wege geöffnet hat, formiert sich Widerstand gegen das Mischsysteme „Staatliche Schule“, das nicht das hervorbringt, was die Menschen erwarten.

 

Die KITA St. Elisabeth und ein Elternkreis der an die Zukunft der Kinder in der Schule denkt

 

Die Betreuung von Kindern durch katholische Einrichtungen hat in Neustrelitz eine lange Tradition. Es gab eine katholische Schule die neben dem staatlichen Schulwesen der DDR nicht weiter geführt werden durfte, in den Nachkriegsjahren übernahmen Schwestern die Betreuung eines Kinderheims und später eröffneten sie einen Kindergarten. Im Kindergarten wurde eine reformpädagogisch begründete Pädagogik betrieben. Es war eine Frage der Zeit, bis der Wunsch nach einer Fortführung mittels einer eigenen Grundschule wieder ernsthaft diskutiert wurde. Zum Ende der 90iger Jahre gab es mehrere Versuche Eltern zu gewinnen, die das Vorhaben unterstützen. Die Gruppe hatte allerdings einige Barrieren zu überwinden. Die Mehrzahl der Kinder in der KITA kam aus nicht-katholischen Elternhäusern. Für die Minderheit der katholischen Familien schien es nicht möglich, eine Schule in der Trägerschaft etwa der katholischen Gemeinde zu gründen. Und die konfessionell sehr heterogene Elternschaft nahm den Kerngedanken nicht an, dass die Schule bzw. deren Mitarbeiter sich zum katholischen Glauben bekennen und alle weiteren pädagogischen Grundsätze sich daraus ableiten. Dieses Vorgehen widersprach dem Prozess des Bewußtwerdens über die gewünschte Art des Umgangs mit den heranwachsenden Kindern bei den Eltern.

Außerdem ist im Gegensatz zu Kindergärten die Finanzierung von Schulen in privater Trägerschaft wesentlich komplizierter und mit erheblichen finanziellen Risiken behaftet. Es gab also keinen potentiellen Schulträger in der Nähe der KITA St. Elisabeth.

Die Konsequenz war einfach, wenn auch zunächst nicht angenehm. Die Eltern, die ihre Kinder in der selbst gewählten KITA hatten, mussten sich von der KITA lösen und einen eigenen Weg suchen. Wenige der interessierten Eltern haben in der Folge mehrfach im Familienzentrum diskutiert und am 11.10.1999 den Verein „eltern machen schule“ gegründet. Das Ziel des Vereins war ausschließlich die Förderung „einer am Kind orientierten Pädagogik“. Es gab einzelne Personen, wie der damalige Leiter des Schulamtes des Landkreises, Dirk Rautmann, die ganz klar zur Gründung einer Schule in freier Trägerschaft Mut gemacht haben. Die Elternschaft wollte jedoch zunächst den Mangel an Klarheit über ein Schulprofil überwinden, einen Weg für die Integration der vielen verschiedenen Denkrichtungen der Eltern finden und dann die Umsetzung angehen.

 

Ein Konzept entsteht

 

Mit Eltern eine Schule für die eigenen Kinder zu konzipieren, die zumeist noch nicht einmal in der Schule sind, produziert eine Situation in der viele Ideale ausgesprochen werden. Diese Ideale hatten Herkunft und Reibungspunkte. Zu den von den Vereinsmitgliedern abwechselnd gestalteten Themenabenden gab es Vorträge zu pädagogischen Ansätzen von Maria Montessori, Peter Petersen und Rudolf Steiner. Treibende Leute waren in dieser Phase mit mir beispielsweise Peter und Ulrike Reinhardt, Silke Götze und Georg Huyoff.

Die Konfrontation mit der eigenen Schulerfahrung war in der Diskussion unvermeidlich. Außerdem berichteten Lehrer aus der Praxis der Sonderschule, die viele mehr interessante Lernkonzepte nutzte als die Grundschule. Es gab im Verein Lehrer, die an staatlichen Schulen unterrichteten und einen anderen Umgang mit den Kindern wünschten und es gab einen Bericht über die Neubrandenburger Evangelischen Schule (Bertram Maushaake).

So füllte sich Abend um Abend mit neuen Auseinandersetzungen und Ideen. Wie bekommt man diese Vielfalt aber in ein Konzept? Welche Idee wird zum Leitfaden? Es folgten wieder Abende um Abende, schriftliche und mündliche Vorschläge, Diskussionen in denen die Themenabende aufgegriffen und verworfen wurden, ehe ein pädagogisches Konzept auf dem Tisch lag. Dieses Konzept hat bewusst den Eltern und Kindern keinen konfessionellen Bezug nahe gelegt und sollte offen sein für eine lebendige Auseinandersetzung mit den konfessionellen Bezügen der Lehrer, Kinder und Eltern. Ein großer Teil des Konzeptes hat bis zur Schulgründung getragen und trägt heute noch. Insofern war diese Auseinandersetzung entscheidend für das Bewusst machen der Ursprünge reformpädagogischer Agglomerate in der Praxis freier Schulen und ein gelungener Integrationsversuch.

 

 

Ein Angebot an die Neustrelitzer Grundschulen

 

Im Jahr 2000 hatte der Verein ems einen Etat, der genügte die Kosten von notariellen Eintragungen, einigen Postsendungen und einem Faltblatt zu begleichen. Das Schulgesetz in M-V sah vor, dass Schulen bis zu zwei Jahre nach der Gründung keine Zuschüsse vom Bundesland erhalten, das Personal also allein durch die Eltern zu finanzieren ist. Zur Umsetzung des Konzepts sah ems keinen anderen Weg, als mit einer der vier staatlichen Grundschulen in Neustrelitz zu kooperieren. Aber wie überzeugt man staatliche Schulen davon, die Ideen von Eltern aufzugreifen, um den Kindern der Eltern ein geeignetes Angebot zu machen? Drei Säulen konnte ems versprechen: Das persönliche Engagement der Eltern, Geld für Unterrichtsmaterial, Raum- und Freiraumgestaltung sowie die Förderung von Lehrern, die sich reformpädagogisch weiter entwickeln wollten. Die Erwartung war, dass das Konzept adaptiert wird und zumindest eine Klasse an der Schule nach reformpädagogischen Grundsätzen durch entsprechend qualifiziertes Personal unterrichtet wird.

 

Nach einigen persönlichen Gesprächen mit Frau Stegemann (Schulamt Stadt Neustrelitz), Frau Sievers (Schulleiterin GS „Stadtmitte“) und Frau Kaps (Schulleiterin GS „Sandberg“) haben wir die Lehrer der Neustrelitzer Grundschulen über die Schulleiter eingeladen. Aber wen hat diese Einladung erreicht? Am 29.11.2000 steht ems vertreten durch drei Personen den Lehrern der GS „Stadtmitte“ gegenüber. Frau Sievers hat ihr Haus, respektive den legendären, provisorischen Lehreraufenthaltraum auf der Empore der Aula, geöffnet und die Lehrerschaft offenbar zu dem Termin verpflichtet. Wir präsentieren unser Konzept, machen Angebote und versuchen ein Gespräch anzuregen. Es ist eine Lehrerin der GS „Stadtmitte“, die Interesse bekundet. Schon in der Veranstaltung wird sehr deutlich, dass wir die Mauer und abweisende Stimmung wegen der unerwünschten Einmischung in „innere Angelegenheiten“ in diesem Rahmen nicht brechen werden. Auch nicht mit der Idee einen Schulversuch zu starten, der bessere Arbeitsbedingungen, längere Arbeitszeiten (die Lehrer sind teilweise demotiviert durch drastisch verminderte Arbeitszeit und Bezahlung infolge des Solidarpakts) und Sicherheit für die Stelle in der Zukunft verspricht. Unsere Bitte, das pauschale Interesse der Schulleitung der GS „Stadtmitte“ an einem Schulversuch wird auch nach weiteren Gesprächen nie durch die Benennung von interessierten Lehrern und Umsetzungsschritten konkretisiert. Im Gegenteil werden wir nach dem Frau Sievers die Schule verlassen hat eingeladen und werden zur Aufgabe unserer Kooperationsvorhaben durch eine Vertreterin des Schulamtes Neubrandenburg und einen Vertreter des Ministerium angehalten. Die wesentlichen Argumente sind, dass die Vorschläge der Eltern gleichzeitig eine unerwünschte Kritik mit öffentlichem Charakter an dem praktizierten staatlichen Schulsystem darstellen und das Personal nicht zu einer veränderten Unterrichtspraxis durch die Behörde gezwungen werden kann. Die Situation ist paradox, verstehen sich die Eltern als Steuerzahler und die Kinder als Nutznießer der Schule doch als direkt miteinander verbunden. Die Situation demonstriert die Starre des staatlichen Schulsystems, welches zudem Elemente der staatlichen Schule der DDR in positivem aber eben auch negativem konserviert hat. Damit hat sich die Evangelische Schule später bei der Personalanwerbung und in Form der internen Weiterbildung noch intensiv auseinander zu setzen.

Im Frühjahr 2001 (19.03.) laden wir zu einer Mitgliederversammlung von ems ein und müssen im Anschreiben bekennen, dass wir keine Perspektive mehr für ein Kooperationsmodell mit einer staatlichen Grundschule sehen. Zunächst ist ein Tiefpunkt für ems erreicht. Persönliche Enttäuschungen, Machtlosigkeit in politischem Sinn, persönliche Entscheidungen wie Wegzug aus einer strukturschwachen Region und finanzielle Unfähigkeit führen dazu, dass der Verein sich entscheidet sich zu „Verpuppen“, jedoch die aufgebaute Struktur vorsichtshalber noch nicht aufzulösen.

 

Ein Hinweis aus der Vogelperspektive und der Neuanfang

 

Die allermeisten Projekte scheitern nicht am Geld, meinte ein Freund mir irgendwann mit auf den Weg geben zu müssen. Und er musste es wissen, denn er hatte viele teilweise sozial, teilweise wirtschaftlich orientierte Kleinprojekte in so genannten NGO’s (non-gouvernmental organisations) zum Laufen gebracht. Im Januar 2002 versuchte uns davon auch Eckard Schwerin in seiner Funktion bei der Evangelischen Schulstiftung in M-V / Nordelbien und bei der Schulstiftung der EKD zu überzeugen.  Die Geschichte des Vereins hatte die Schulstiftung wohl vor allem via Reinhard Scholl erreicht. Und traf auf offene Ohren. Ein großes Forum im Borwin-Heim brachte die Akteure zusammen, informierte die aufgeschlossenen Vertreter der Behörden und wurde ein beredtes Beispiel für die Suche nach einer kritischen Masse. Da kam jemand, der uns sagt, dass wir eigentlich alles beisammen haben, um ein Projekt „Schulgründung“ zu bewältigen. Und wenn das geschafft ist und dabei Grundsätze der evangelischen Schulstiftung hinreichend aufgenommen wurden, dann wird die Schulstiftung in M-V die Schule in den Kreis der bereits gegründeten evangelischen Schulen aufnehmen. Das war ein Mutmachen aus der Vogelperspektive. Was jedoch die Wiederaufnahme der Arbeit bedeutete, war aus der Wühlmausperspektive nicht zu überblicken. Es gab unglaublich viele Gründe, warum das Projekt hätte scheitern können. Gebäude und Geld für Ausstattung und zwei Jahre Lehrergehälter mussten gefunden werden. Und die zweite Integrationsphase musste bewältigt werden.

Die Zahl der Mitglieder bei ems wuchs von einem auf den anderen Tag. ems teilte die Arbeit in Arbeitskreise wie Konzept, Standort und Antrag auf. Am schnellsten musste die Gruppe Konzept sein. Im Frühsommer sollte ein Vorantrag für die Gründung der Schule beim Bildungsministerium eingehen. Aber wie gestaltet man die Integration der evangelischen Orientierung ohne alle jene zu vertreiben, die konfessionell ungebunden lebten und eine Missionierung ihrer Kinder befürchteten. Das war auch eine Frage an die Offenheit der evangelischen Kirche. Neue Leute brachten nicht nur neue Gedanken mit und bohrten das Konzept wieder auf. Das Gleichgewicht zwischen termingerechter Abstimmung und ausreichender Diskussion war kaum zu halten. Die Zahl der mündlichen und schriftlichen Einwände gegen die jeweils neueste Formulierung der Präambel des Konzepts war kaum mehr zählbar. Diese Auseinandersetzung führte letztlich auch zur  Trennung von prägnanten ems-Mitgliedern, die sich in den Formulierungen nicht wieder fanden. Im März 2002 scheiterte die Abstimmung der Präambel und musste auf den April vertagt werden. Es entsteht ein Gemenge an schwerwiegenden Worten wie „gesellschaftlicher Wandel, Wertewandel, pluralistische Gesellschaft, Orientierungshilfen“, die die Situation nur grob beschreiben und der Antwort aus „Wertschätzung, innerem Halt, Beziehung“. Formulierungen über das christliche Menschenbild finden den Weg in die Präambel. Es geht nicht um ein Überformen dessen, was die Kinder aus den Elternhäusern mitbringen, sondern an ein Erinnern an Wurzeln unserer christlich-jüdisch geprägten Kultur, steht in den Passagen über den Religionsunterricht. Und letztlich der Satz: „Dabei steht die Schule ausdrücklich allen Kindern offen - unabhängig von ihrer Herkunft und Religionszugehörigkeit.“ Dieser Satz entspringt wirklich der soweit wie möglich allen geöffneten Denkweise bei ems und nicht nur den Anforderungen aus dem Schulgesetz. Wie viel Spannung auf- und wieder abgebaut werden muss, wenn in größerem Rahmen Grundsätze diskutiert werden, ist anhand des Wortkondensats nur fragmentarisch nachvollziehbar.

Die Termine drängen. Der Landkreis hat das Projekt in die Schulentwicklungsplanung nach Antrag im Februar 2002 und mehreren Gesprächen aufgenommen. Der Antrag für die Betriebsgenehmigung, der natürlich unvollständig bleibt, weil Fragen zu Räumen, der Finanzierung oder Personal nicht geklärt werden konnten, geht beim Ministerium am 4. Juli 2002 ein. Das ist die endgültige Willensbekundung, die Schule ins Leben zu rufen.

 

Das Unternehmen „Schule“ frisst unersättlich Frei- und auch Arbeitszeit

 

Am 2.9.2002 antwortet das Ministerium auf den Antrag vom Juli. Eine Checkliste und Auflagen begleiten die Antwort. Und wir wissen es. Wir haben ein Jahr Zeit um Geld, Gebäude, Mobiliar, Unterrichtsmaterial, Lehrer und einen kooperierenden Hort für die Nachmittagsbetreuung zu finden.

Die Arbeitsgruppe „Bau“ untersucht geführt von Marija Andersson die Eignung des verlassenen Schulgebäudes in Altstrelitz, der ehemaligen Geschwister Scholl-Schule in der Tiergartenstrasse, der Louisenstiftung und des Witwenpalais. Zeichnungen und Kostenberechnungen entstehen. Kurzfristig und ohne hohe Investitionen ist kaum etwas nutzbar. Das Schulamt der Stadt empfiehlt den Stadtrand mit Altstrelitz, die Stadtkirchgemeinde will eine Schule in der Nähe, also in der Innenstadt haben. Mit der KITA St. Elisabeth – inzwischen ist Schwester Ruth Funhoff Leiterin – überlegen wir, ob die Schule nicht bis zur Sanierung der Geschwister Scholl-Schule in den Horträumen unterkommen kann. Da sitzen wir wieder als hilfesuchende Gäste in Gesprächen mit Herrn Jeschke (Caritas) in der KITA St. Elisabeth. Es gibt viel Wille zur Zusammenarbeit, wenn die Projekte sich symbiotisch entwickeln und es gibt klare Vorstellungen zur Finanzierung des Projekts, denen wir noch nicht gewachsen sind.

Am 26.9.2002 beschließt die Stadt Neustrelitz die Schließung der Grundschule „Stadtmitte“ zum Schuljahr 2003/2004. Wir richten am 18. November einen Brief an den damaligen Bürgermeister der Stadt Rainer Günther mit der Bitte, uns bei der Suche nach einem Gebäude zu unterstützen. Es folgt ein für die zukünftige Schule entscheidendes Gespräch zwischen Herrn Günther, Frau Stegemann, Herrn Butzki, Eckard Schwerin und mir. Wir planen einen Erbbaupachtvertrag über das Gebäude der Grundschule Stadtmitte direkt mit der Schulstiftung abzuschließen. Zwei Jahre ohne Erhebung von Erbauzinsen und bei Öffnung der Außenanlage für die Öffentlichkeit. Die Lage passt, das Gebäude gibt Entwicklungsmöglichkeiten für viele Jahre und es sind nur geringe Startinvestitionen notwendig. Wie aber werden die Stadtvertreterversammlung und die Öffentlichkeit auf diese „feindliche Übernahme“ reagieren? In der Stille wird der Vertrag vorbereitet und erst am 22. Mai 2003 den Stadtvertretern im nicht-öffentlichen Teil der 37. Sitzung als Eilantrag eingebracht. Eine Situation auf des Messers Schneide. Dem Protokoll ist zu entnehmen, wie die erst vor kurzem beschlossene und schwer errungene Kapazitätssenkung der Schulplatzzahl mit dem Entschluss die Schule „Stadtmitte“ zu schließen wieder ins Wanken gerät. Es ist aber auch zu lesen, dass keine Klarheit bei den Stadtvertretern besteht, dass es ein Recht auf die Gründung von Schulen in freier Trägerschaft gibt. In Neustrelitz hat dieses Recht bisher niemand wahrgenommen. Diese Nichtstattfinden von Demokratie prägt offenbar einige der Stadtvertreter. Georg Hyuoff wird nach wichtigen erklärenden Worten wegen Befangenheit von der Sitzung ausgeschlossen. Die Stadtvertreter folgen mehrheitlich dem Bürgermeister und genehmigen am selben Abend den Pachtvertrag. Diese Lösung wird neue Emotionen und Unverständnis gegenüber der evangelischen Schule bei den Eltern herauf beschwören, die ihren Kindern aus der Innenstadt nun weite Wege in andere staatliche Grundschulen der Stadt zumuten müssen.

In der Zwischenzeit laufen andere Arbeitsbereiche auf Hochtouren. Es gibt eine Homepage von ems, Katrin und Mick Hutton zeichen verantwortlich, viele Briefe wurden verschickt und Besuche abgestattet, um Spenden für die ersten zwei Jahre einzuwerben und es wurde ausführlich über eine sozial gerechte Schulgeldstaffelung diskutiert. Übrigens zunächst die Einkommensunterschiede der Eltern am stärksten ausgleichende Schulgeldregelung aller evangelischen Schulen in M-V. Dennoch – alle warten auf handfeste Informationen über die Aussichten des Projektes und bekommen nur noch fragmentarische Antworten von den Akteuren. Die Gespräche mit den Ämtern ziehen sich in die Länge und die Ergebnisse können teilweise nicht im Verein besprochen werden. Die Eltern wollen wissen wo, von wem und zu welchem Preis die Kinder eingeschult werden können. Wieder drohen dem Verein Mitglieder- und Vertrauensverluste. Doch wegen der unglaublich vielen Termine, ist es unmöglich die Versammlungen von ems in der zuvor üblichen Dichte weiter zu führen.

Am 11. März 2003 stellt ems einen Antrag an die Evangelische Schulstiftung M-V/N zur Übernahme des Projekts. Nicht nur das Ministerium, sondern auch die Schulstiftung hat eine Reihe an Forderungen. Beispielsweise soll der Bestand der Schule für die kommenden 10 Jahre als gesichert gelten und die Wirtschaftlichkeit des Projekts nachgewiesen werden. Der Wirtschaftsplan von ems weist allein für vier Monate im Jahr 2003 ca. 20.000 Euro an Personalkosten aus. Über Elternbeiträge sind nur 5.600 Euro abgesichert. Spenden für Schulmöbel sind einfacher zu bekommen, als Spenden für laufende Kosten wie die Personalkosten. Das Projekt muss einen Kredit aufnehmen oder einen anderen Weg finden wirtschaftlich zu sein. Größere Spenden findet der Verein bei dem Johanniter Orden, einem anonymen Spender, der Acredo-Bank und der Barbara Schadeberg Stiftung. Vor dem Schulstart im September ist jedoch nur die Spende der Johanniter eingetroffen. Nach Jahren mit vielen Schulgründungen insbesondere in Ostdeutschland sind die Stiftungen offenbar erschöpft. Wieder sind Fantasie und Gespräche notwendig, um eine Finanzierung der ersten beiden Schuljahre aufzustellen. Die Lösung ist unerwartet, kompliziert und für viele ems-Mitarbeiter nicht unproblematisch. Der Schulleiter des benachbarten Gymnasiums, Henry Tesch, sucht vorübergehend Räume. Da die Stadt das Gebäude der evangelischen Grundschule und nicht dem Landkreis als Träger des Gymnasiums vermietet hat, könnte die evangelische Schule freie Raumkapazitäten an das Gymnasium vermieten. In der Startphase, in der der Schulalltag noch nicht geprägt ist, soll die Schule Vermieter werden? Eine winzige Initiative in den Kinderschuhen wird Vermieter für einen Landkreis und ein Gymnasium mit annähernd 2000 Schülern?  Und wie soll sich beim Lärm der „Großen“ aus dem Gymnasium eine neue Schule mit einer Klasse „Schulanfänger“ entwickeln? Wird man da nicht erdrückt? Wer organisiert diesen Betrieb im Gebäude? Aber es ist keine Zeit für Bedenken. Die räumliche und technische Organisation mit Henry Tesch und Olaf Müller beginnt, wobei gleichzeitig harte Verhandlungen über Preise mit dem Landkreis laufen. Wir besprechen Modelle über Mietpreis, Hausmeister und Winterdienst, ziehen uns kurz zur Eingabe der Daten am Laptop zurück und gehen in die nächste Verhandlungsrunde. Es geht um eine drastische Reduzierung des Mietpreises bei Übernahme von einigen Dienstleistungen. Der Verhandlungsführer des Landkreis, Herr Rautmann, wird später das Wirtschaftsressort leiten … Wir stehen zwischen Stadt und Landkreis. Die Stadt erhebt keinen Pachtzins, der Landkreis soll jedoch für die Nutzung des Gebäudes zahlen. Und die evangelische Schule bekommt das Geld, welches das Land nicht bereit ist in der zweijährigen „Bewährungsphase“ einer Schule in freier Trägerschaft zu zahlen. Oder auch nicht, denn die Miete wird für zwei Jahre nicht den dringenden Investitionen in das Gebäude dienen, sondern in die Personalfinanzierung fließen. Dennoch, eine gerechtere Behandlung konnten die natürlich einkommensbesteuerten und Schulgeld zahlenden Eltern von ems nicht erarbeiten. Aber wohl auch kaum eine komplizierte Lösung.  Am 22. Juli 2003 wird der Mietvertrag zwischen Landkreis und Schulstiftung unterschrieben. Es bleiben fünf Tage bis zur Sitzung des Kuratoriums der Schulstiftung, welches über die Übernahme des Neustrelitzer Projekts entscheiden soll. Bis dahin muss die Finanzierung ohne Spekulation bei den Spendeneinnahmen und als wirtschaftlich dargestellt werden. In „Heimarbeit“ in der Twachtmannstrasse wurde für drei Jahre immerhin ein jährlicher wachsender Haushalt von 144.000 ... 330.000 Euro „gestrickt“. Die Planzahlen mussten erreichbar sein, denn dahinter stand die Verantwortung für zu viele Kinder. Im Gegensatz zu der Grundsatzdiskussion über die Präambel war jedoch niemand aus dem Verein bereit, diese Arbeit zu begleiten. Das ungewöhnliche Neustrelitzer Finanzierungsmodell das durch Widerstand und Unterstützung der verschiedensten Personen im öffentlichen Leben zustande kam, hatte selbst bei der Geschäftsführung der Schulstiftung in Schwerin reichlich Erklärungsbedarf ehe Vertrauen entstand.

 

Blieb noch die Organisation der Nachmittagsbetreuung im Hort. Schwester Ruth Funhoff kam nach dieser Entwicklung der Schulgründung immer noch lachend und mit uns an einem guten Start arbeitend auf uns zu. Und diese Hilfe reichte bis hin zur später durch Mut machende Worte und sachliche Hinweise geförderten Gründung des eigenen Horts. Diese Zusammenarbeit war immer eine Suche nach der besten Lösung für die Kindern mit den zur Verfügung stehenden Mitteln.

 

Und Lehrer? Und Schüler? Wo waren die nach all den organisatorischen Schlachten? Haben noch Eltern noch gehofft, gewartet und sind nicht dem vom Schulamt ausgeübten, massiven Druck erlegen und haben ihre Kinder bereits in staatlichen Schulen angemeldet? Gab es noch Lehrer, die so kurzfristig nach Neustrelitz kommen würden?

Die Evangelische Schulstiftung zögert anders als bei der Pacht des Gebäudes noch nach Lehrern zu suchen, weil das Projekt noch nicht vom Ministerium genehmigt ist. ems muss wieder selber und auf eigenes Risiko aktiv werden. Es ist keine Zeit mehr zum Zögern. Die Bewerbungsgespräche im Saal des Borwinheim werden von Eckhard Schwerin, Reinhard Scholl und mir gemeinsam geführt. Wieder sind die Eltern von ems ausgeschlossen, es besteht Erklärungsbedarf und Vertrauen muss ems zusammen halten. Aus dem Gemeinschaftsvorhaben wird endgültig eine Aktion von wenigen, die versuchen die Interessen des Vereins zu berücksichtigen. Wir finden Heidi Mischner und Antje Enderle für den Hauptunterricht sowie für die Musikstunden Anne Franke als erste Lehrerinnen.

Da das Ministerium das Projekt noch nicht genehmigt hat, musste der Vorstand von ems am Rande der Legalität und persönlich haftend sämtliche Verträge über Personal und die Beschulung der Kinder unterzeichnen. Schlaflose Nächte und blindes Vertrauen wegen der Überlast an Verantwortung. Dennoch - alles entwickelte sich in die richtige Richtung.

 

ems hebt die Schule aus der Taufe und gibt sie ab

 

Am 7. Juli 2003 genehmigt das Ministerium den Schulbetrieb, auch wenn nicht alle Unterlagen vorhanden jedoch versprochen sind. Noch vor dem Sommer und dem Schulbeginn! Ein Novum für Mecklenburg und dem Gesetzestext folgend eigentlich ebenso unmöglich oder eine Ermessensfrage. Bis zum 19. Juli war nicht geklärt, wer den Unterricht geben wird.  

Am 16. Juli genehmigt das Ministerium formell den Schulträgerwechsel von ems zur Schulstiftung. Doch erst am 27. Juli wird dieser Weg auch durch die anderen evangelischen Schulen in M-V auf der Kuratoriumssitzung genehmigt. Gemeinsam mit zwei weiteren Schulen in Gründung stellen wir unser Projekt auf der Sitzung vor. Es ist keine Sitzung, in der das Werden wirklich dargestellt werden kann. Dazu fehlt die Zeit. Aber es wird deutlich, dass das Neustrelitzer Projekt ein starkes Eigenleben in den letzten Jahren entwickelt hat und sich damit deutlich von anderen Neugründungen abhebt. In der Kritik einzelner Kuratoriumsmitglieder steht nach all der Integrationsarbeit das zu schwache evangelische Profil des Neustrelitzer Projekts. So spannend ist die Gesellschaft in ihren verschiedenen Sphären. Die Konfrontation dieser verschiedenen Sphären ist offenbar noch öfter nötig.

 

Bis zum Beginn der Schule im September war noch viel zu tun. Die Lehrer einführen, die Räume renovieren – endlich wieder eine Arbeit aller Eltern - Möbel, Bücher, Hefte bestellen, einen PC besorgen ... Teilweise musste Geld ausgegeben werden, welches noch gar nicht da war. Der Betrieb begann fast ohne Eigenkapital. Doch zum Schuljahresbeginn konnte es ein Fest geben und es wurde ein wunderbares Fest, wieder mit allen die stolz auf diesen Neuanfang von Schule sein durften und mit Gratulanten. Und war es nicht auch eine Neuweihung der geschichtsträchtigen Aula im ehemaligen Lyzeum in die ein neuer Geist einkehren sollte?

 

ems hatte eine Schule aus der Taufe gehoben. Einige Namen sind gefallen, viele weitere Personen denen eigentlich genausoviel Aufmerksamkeit geschuldet ist, sind ungenannt, jedoch nicht vergessen. ems trennte sich von einem großen Teil der Verantwortung mit dem Übertragungsvertrag an die Schulstiftung am 5. September 2003. Der erste, wenig später gewählte Schulbeirat übernimmt die Selbstverwaltung. ems hat wieder die Aufgabe, mit der Jahre zuvor Eltern angefangen haben und in die Satzung geschrieben haben – die Förderung einer „am Kind orientierten Bildung“. Egal aus welcher Perspektive und mit welchem Abstand –  Initiative und Weg von ems waren nicht immer leicht verständlich, aber für die Beteiligten ein wichtiger Weg und offenbar langfristig fruchtreich für viele Kinder.